RKW RECHERCHE


Schon gewusst?



In unserer Rubrik „Schon gewusst?“ richten wir in dieser Ausgabe den Blick bewusst auf die Geschichten des Gelingens und weniger auf die des Untergangs. Denn Krisen sind keine reinen Belastungsproben oder Gradmesser für Widerstandsfähigkeit – aus Krisen kann sich auch etwas Anderes oder Neues entwickeln. Denn schwierige Situationen zwingen nicht nur jede Einzelne und jeden Einzelnen, sondern auch Unternehmen dazu, Routinen zu hinterfragen, Entscheidungen zu beschleunigen und neue Wege zu gehen. Genau darin liegt ihre resiliente Kraft.

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Die Zahlen zeigen: Krisenzeiten erhöhen die Innovationsquote. Viele mittelständische Unternehmen haben infolge von Pandemie, Energiekrise, Zolldebatten oder Lieferkettenproblemen neue Produkte, Services oder sogar komplett neue Geschäftsmodelle entwickelt. Besonders ausgeprägt ist diese Anpassungsleistung in den Bereichen Digitalisierung, Prozessautomatisierung und bei den Vertriebswegen – allesamt Faktoren, die nicht nur kurzfristig stabilisieren, sondern langfristig widerstandsfähiger machen.

Der Grad der Resilienz zeigt sich jedoch nicht nur bei bestehenden Unternehmen, sondern auch beim Thema Neuanfang. Gerade in Zeiten hoher Unsicherheit wird überdurchschnittlich viel gegründet. So entstanden im Pandemiejahr 2021 laut Deutschem Start-up-Monitor in Deutschland 3.348 Start-ups – deutlich mehr als zuvor. Im Jahr 2025 lag die Zahl der Neugründungen bereits bei 3.568, getrieben unter anderem durch den Aufschwung künstlicher Intelligenz. Auch das ist Resilienz: die Fähigkeit, aus Krisen neue wirtschaftliche Dynamiken zu entwickeln.


Von „Ich krieg die Krise“ zu „Wir planen sie ein“.



Beispiel

Während der Finanzkrise 2008 
kürzten viele Unternehmen ihre Werbebudgets. Doch Amazon investierte stattdessen in neue Produkte und baute seinen Prime-Service aus. Das Ergebnis? Ein enormes Wachstum in den Folgejahren.






Beispiel

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie 
im Frühjahr 2020 stellten zahlreiche mittelständische Brennereien in Deutschland (z. B. im Schwarzwald, in Bayern oder Nordrhein-Westfalen) aufgrund von Engpässen ihre Produktion kurzfristig auf Desinfektionsmittel um.

Der Digitalisierungsgrad im Mittelstand hat in der Pandemie einen Sprung gemacht, der unter normalen Bedingungen erst Jahre später erreicht worden wäre. Was zuvor oft als Zukunftsprojekt galt, wurde plötzlich zur betrieblichen Grundvoraussetzung. Und genau hier zeigte sich: Notwendigkeit schlägt Skepsis (und/oder Prokrastination). 
 
Homeoffice, Cloud-Lösungen, digitale Buchhaltung und E-Commerce wurden in Rekordzeit etabliert und sind heute feste Bestandteile resilienter Geschäftsmodelle. 

Die Energiekrise hat für viele mittelständische Unternehmen als Katalysator gewirkt. Stark gestiegene Energiepreise erhöhten den wirtschaftlichen Druck und beschleunigten damit Investitionen, die zuvor häufig aufgeschoben wurden, besonders in:

  • eigene PV-Anlagen,
  • Energiemanagement,
  • Effizienztechnologien. 


Das Ergebnis: geringere Abhängigkeiten von unbeständigen Energiemärkten, langfristig niedrigere Kostenstrukturen und eine verbesserte CO₂-Bilanz. Was zunächst als Zwang begann, entwickelte sich für viele Betriebe zu einer strategischen Chance, um Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Zusätzlichen Rückenwind erhält diese Entwicklung durch europäische Rahmenbedingungen wie die Ökodesign-Verordnung oder den für dieses Jahr geplanten dritten Aktionsplan zur Circular Economy, die Effizienz, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft weiter vorantreiben – und damit Resilienz im Mittelstand strukturell verankern.


Immer mehr Mittelständlerinnen und Mittelständler steuern ihr Unternehmen nicht mehr allein über Umsatz und Gewinn. Ergänzend rücken Lieferfähigkeit, Liquiditätsreserven, Abhängigkeiten und Szenarienfestigkeit in den Fokus. Resilienz wird zur Kennzahl und Stabilität wird messbar und steuerbar. Laut der Studie „Resilienz und Risikomanagement im Mittelstand“ sind die wichtigsten Widerstandsmaßnahmen der Unternehmen:


43% Kostenreduktion,

41Prozess- und Lieferkettenoptimierung,

40% Investitionen in Digitalisierung und KI.


Demnach planen viele KMU zudem langfristige Maßnahmen wie das Auflösen redundanter Strukturen, breitere Marktabdeckung oder interne Frühwarnsysteme. Resilienz bedeutet heute bewusstes Risikomanagement und nicht nur „Überleben“.

Seit 2020 ist der Anteil der KMU, die ihre Lieferketten diversifiziert oder regionalisiert haben, deutlich gestiegen. Rund zwei Drittel der deutschen Unternehmen passen ihre Lieferketten infolge von Krisenerfahrungen aktiv an, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu erhöhen.

Krisenzeiten beschleunigen damit strategische Strukturänderungen: „Just in time“ verliert an Bedeutung, „just in case“ gewinnt.


Krisen sind Stresstests und hinterlassen Spuren – aber auch Strukturen. Wer Lieferketten evaluiert, Liquidität sichert und Energie effizient nutzt, wird nicht unverwundbar – aber bleibt handlungsfähig(er). Resilienz ist damit kein Modewort mehr, sondern ein Wettbewerbsfaktor.


Julia Becker ist Mitarbeiterin im Bereich „Kommunikation“ beim RKW Kompetenzzentrum. 


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