LEITARTIKEL



In der Krise zeigen sich die Stärken des Mittelstands


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Erst die Covid-19-Pandemie zu Beginn der 2020er-Jahre, dann die wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und jetzt die erratische Zollpolitik der US-amerikanischen Regierung – der Mittelstand in Deutschland scheint von einer Krise in die nächste zu schlittern. Unabhängig davon stehen die Unternehmerinnen und Unternehmer vor der Aufgabe, neben dem Tagesgeschäft noch die Anforderungen der ökologischen und der digitalen Transformation zu meistern. Besteht die Gefahr, dass das den Mittelstand zunehmend überfordert?

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Quelle: RKW Kompetenzzentrum/2025, GettyImages_Klaus Vedfelt

Betrachtet man die aktuellen Insolvenz- und Unternehmensschließungszahlen, scheint einiges für die Überforderung zu sprechen. Gleichwohl zeigt sich auch, dass die bisherigen Krisen die Branchen jeweils unterschiedlich getroffen haben: Während sich die Covid-19-Pandemie vor allem negativ auf den Handel, das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie den Sektor Kunst / Unterhaltung / Erholung auswirkte, sind aktuell die Exportunternehmen am meisten von der US-Zollpolitik betroffen.

Als resilient gilt ein Unternehmen, wenn es seine Geschäftstätigkeit nach einer plötzlichen Störung erfolgreich und langfristig fortsetzen kann.

Hohe Anpassungsfähigkeit des Mittelstands

Der Umgang vieler mittelständischer Unternehmen mit diesen krisenhaften Situationen zeigt aber auch, was den Mittelstand in Deutschland so besonders macht. Oder wie es Ludwig Erhard vor fast 70 Jahren in „Wohlstand für Alle“ ausdrückte: Es ist ein wesentliches Kennzeichen der Sozialen Marktwirtschaft, dass Unternehmerinnen und Unternehmer gerade in Krisenzeiten „ein fast unglaubliches Maß an Anpassungsfähigkeit besitzen, und dass es gerade dieses Sich-bewähren-Müssen im Markte ist, welches den wirtschaftlichen Fortschritt verbürgt“.

Heute wird hierfür gern der Begriff „Resilienz“ verwendet. Als resilient gilt ein Unternehmen, wenn es seine Geschäftstätigkeit nach einer plötzlichen Störung erfolgreich und langfristig fortsetzen kann. Eine  grundlegende Voraussetzung hierfür sind die individuellen Gegebenheiten, die ein Unternehmen im Hinblick auf seine finanzielle Ausstattung und sein unternehmerisches Umfeld mitbringt: So war es während der Covid-19-Pandemie grundsätzlich von Vorteil, wenn Unternehmen über eine gute Kapitalausstattung, persönliche Netzwerke der Unternehmerperson, einen hohen Digitalisierungsgrad sowie ein diversifiziertes Geschäftsmodell verfügten. In der aktuellen erratischen US-Zollpolitik kommt es exportorientierten mittelständischen Unternehmen zugute, wenn sie im B2B-Bereich enge und langjährige Beziehungen zu ihren Kunden besitzen und für diese passgenaue, innovative Lösungen herstellen. Sehr viel schwerer haben es dagegen Unternehmen, die standardisierte Produkte und Dienstleistungen auf dem US-Markt anbieten.

In mittelständischen Unternehmen, in denen grundsätzlich Eigentum und Leitung in einer Hand liegen, hängt es in krisenhaften Situationen auch maßgeblich von der Unternehmerperson und deren Handeln ab, wie ein Unternehmen die Herausforderungen bewältigt.

Veränderte Situationen schnell akzeptieren

Resilienz bezieht sich aber nicht nur auf das Geschäftsmodell oder auf das Unternehmen generell. In mittelständischen Unternehmen, in denen grundsätzlich Eigentum und Leitung in einer Hand liegen, hängt es in krisenhaften Situationen auch maßgeblich von der Unternehmerperson und deren Handeln ab, wie ein Unternehmen die Herausforderungen bewältigt. Dies gilt umso mehr, je kleiner ein Unternehmen ist. So erwies es sich während der Covid-19-Pandemie als hilfreich, wenn die Unternehmerinnen oder Unternehmer die neue Situation schnell akzeptierten – und darauf reagierten. Dabei spielte es kaum eine Rolle, ob sie Geschäftsmodell-, Produkt-, Dienstleistungs- oder Prozessinnovationen initiierten, wie die IfM-Studie „Die Auswirkungen der Innovationstätigkeit von KMU in Krisenzeiten auf ihre wirtschaftliche Entwicklung“ belegt. Als Reaktion auf die (Teil-)Schließungen boten beispielsweise die Gastronomie und die Einzelhandelsgeschäfte ihre Waren vermehrt online an. Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes stellten ihre Produktion teilweise um und produzierten dringend benötigte Güter wie Desinfektionsmittel, Schutzmasken oder Komponenten für medizinische Geräte. Letztendlich entschieden also unternehmerische Qualitäten wie flexible Arbeitsweise und Lösungs-, Ziel- und Chancenorientierung darüber, wie und in welchem Umfang in den einzelnen Unternehmen neue Handlungsspielräume gefunden und ausgeschöpft wurden. Gleichwohl muss auch die Belegschaft bei den notwendigen Anpassungsprozessen mitgehen. Nur dann lassen sich die notwendigen Schritte auch schnell und nachhaltig umsetzen.

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EbeneErhöhen VulnerabilitätStärken Robustheit
Person
  • Krankheit
  • Stress
  • fehlende Netzwerke
  • Trennung
  • (psychische) Gesundheit
  • Optimismus
  • Eigenverantwortung
  • flexibles Problemlöseverhalten
  • hohe Anpassungskompetenz
  • gute Netzwerk
  • gute berufliche bzw. schulische Bildung
  • vorhandene Selbstständigkeits-/Berufserfahrungen

Unternehmen
  • finanzielle/technologische Probleme
  • organisationaler Wandel
  • Managementwechsel
  • Nachfolgeprobleme
  • Eintritt neuer Wettbewerber
  • Veränderung der Nachfrage
  • gestörte Wertschöpfungsketten
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  • Kultur der Fehlerakzeptanz und Entscheidungspartizipation
  • flexible/anpassungsfähige Beschäftigte
  • hoher Diversifikationsgrad
  • gute Kapitalausstattung

Umfeld
  • kultureller, demografischer, technologischer Wandel
  • Veränderung der Rahmenbedingungen (z. B. Gesetze)

  • verlässlicher Ordnungsrahmen
  • Zugang zu materieller Infrastruktur
  • gute Verwaltungsstrukturen
  • guter Zugang zu Finanzierung, Bildung und Kinderbetreuung
  • vertrauensvolle Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette

Insgesamt betrachtet kann man also durchaus optimistisch sein, dass die meisten mittelständischen Unternehmen die aktuellen Herausforderungen meistern werden.

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Frühere Krisenerfahrung hilft

Unabhängig davon hängt die Frage, wie resilient eine Unternehmerperson – und damit auch das Unternehmen – in Krisenzeiten ist, maßgeblich von persönlichen Merkmalen der Eigentümerin oder des Eigentümers ab. Dazu zählen beispielsweise die psychische Gesundheit, die grundsätzliche Lebenszufriedenheit sowie die sozialen und familiären Netzwerke. Zudem spielt es eine Rolle, wie krisenerfahren die jeweilige Unternehmerperson ist: So haben wir beispielsweise im Zuge einer Studie zur Krise im Baugewerbe festgestellt, dass viele Unternehmerinnen und Unternehmer aufgrund der vorangegangenen positiven Jahre nicht mehr darin geübt waren, mit Krisen umzugehen. Diejenigen von ihnen, die hingegen bereits negative Entwicklungen im Tagesgeschäft erlebt hatten, ergriffen in akuten Krisensituationen frühzeitig Maßnahmen und achteten beispielsweise auf ihr strategisches Liquiditätsmanagement sowie auf ein umfassendes Controlling der Außenstände und des Auftragsbestands.

Insgesamt betrachtet kann man also durchaus optimistisch sein, dass die meisten mittelständischen Unternehmen die aktuellen Herausforderungen meistern werden. Wichtig ist jedoch, dass die Unternehmerinnen und Unternehmer darauf achten, dass die Grundvoraussetzungen für Resilienz gegeben sind, wie beispielsweise eine ausreichende Kapitalausstattung und gedankliche Szenarien für mögliche Handlungsspielräume in der Krise.



Prof. Dr. Dr. h.c. Friederike Welter ist Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Management kleiner und mittlerer Unternehmen und Entrepreneurship, an der Universität Siegen.


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