
INTERVIEW
Ausbildung zwischen Herausforderung und Hoffnung
Wie Vielfalt, Zeitmangel und Resilienz die Arbeit von Ausbildenden verändern
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Was sind aktuell die größten Herausforderungen in Ihrer Ausbildungspraxis – und was hat sich daran in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Für mich ist die wahrscheinlich größte Herausforderung in der Ausbildung die Vielfalt der Azubis. Alle bringen unterschiedliche Hintergründe, Sprachen und persönliche Lebenssituationen mit, was die Begleitung intensiver macht als früher. Besonders die Azubis, die eine andere Sprache sprechen, benötigen manchmal mehr Unterstützung, um Abläufe und Aufgaben zu verstehen. Dazu kommen oft Personalmangel und Zeitdruck, wodurch es nicht immer einfach ist, allen gerecht zu werden. Ich versuche deshalb, ruhig und Schritt für Schritt zu begleiten und die Azubis dort abzuholen, wo sie stehen, während ich selbst täglich dazulerne.
Welche Erwartungen bringen Azubis heute mit (an Betreuung, Kommunikation, Sinn, Feedback, Flexibilität) – und welche davon überraschen Sie am meisten?
Aus meiner Erfahrung wünschen sich Azubis Orientierung, regelmäßiges Feedback und viel Wertschätzung. Viele brauchen anfangs noch Unterstützung, um Aufgaben selbstständig zu erledigen, und entwickeln oft erst nach und nach die nötige Eigeninitiative. Positiv finde ich, dass sie häufig deutlich ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte einbringen. Gleichzeitig ist es manchmal wichtig, sie freundlich, geduldig und konsequent an ihre Pflichten zu erinnern. Ich versuche daher, sie behutsam zu begleiten und ihnen ihre Fortschritte sichtbar zu machen.
Wenn Sie an „Resilienz in der Ausbildung“ denken: Was heißt das für Sie konkret im Alltag – bei den Azubis, aber auch bei Ihnen?
Für mich bedeutet Resilienz, dass Azubis lernen, mit Herausforderungen, Rückschlägen und Unsicherheiten umzugehen, ohne den Mut zu verlieren. Ich versuche, sie dabei behutsam zu begleiten und ihnen Schritt für Schritt Sicherheit zu geben. Gleichzeitig ist Resilienz für mich selbst wichtig, weil ich versuchen muss, gelassen zu bleiben, flexibel auf Situationen zu reagieren und aus jeder Erfahrung dazuzulernen. So entwickeln sich die Azubis und ich gemeinsam weiter.
Welche neuen Fähigkeiten oder Haltungen müssen Ausbildende und Personalverantwortliche heute stärker mitbringen als früher? Und was mussten Sie persönlich dazulernen oder umstellen?
Neben Fachwissen sind – denke ich – Empathie, Geduld, klare Kommunikation und interkulturelle Kompetenz besonders wichtig. Ich versuche, verständlicher zu erklären, öfter nachzufragen und flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen. Motivation Schritt für Schritt aufzubauen und Fortschritte sichtbar zu machen, ist ebenso entscheidend. Für mich bedeutet das, selbst reflektiert zu bleiben, mich weiterzuentwickeln und auch im Team Verständnis zu fördern. Ausbildung ist ein gegenseitiger Lernprozess, bei dem wir am Ende alle wachsen.
Wie gehen Sie persönlich mit typischen Belastungssituationen um – z. B. Motivationslöchern, Prüfungsdruck, Konflikten, Konzentrationsproblemen oder privaten Krisen der Azubis?
Belastungen tauchen bei Motivationslöchern, Prüfungsstress, Konflikten oder privaten Herausforderungen der Azubis auf. Ich versuche so gut es geht, umsichtig zu bleiben, zuzuhören und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Es ist mir wichtig, die Azubis in ihrer Entwicklung aufmerksam zu unterstützen, ihre Fortschritte sichtbar zu machen und kleine Erfolge zu feiern. Auch im Team entstehen manchmal Belastungen, zum Beispiel bei Unsicherheiten gegenüber fremdsprachigen Azubis. Das bringt mich manchmal selbst an meine Grenzen, aber ich versuche immer, Ruhe zu bewahren und aus jeder Erfahrung zu lernen.
Was würden Sie sich wünschen, damit Ausbildung resilienter gelingt – im Betrieb/Team, von der Führung, von der Berufsschule oder auch strukturell?
Aus meiner Sicht würde mehr Zeit für individuelle Begleitung die Ausbildung resilienter machen, da die Bedürfnisse der Azubis sehr vielfältig sind. Unterstützende Strukturen und Schulungen für Teammitglieder würden helfen, gezielter auf jede und jeden Einzelnen einzugehen. Ich wünsche mir auch, dass das Team stärker unterstützt wird, damit Belastungen gemeinsam aufgefangen werden können. So können Azubis wachsen und Vertrauen entwickeln, während wir Ausbildenden ebenfalls lernen und uns weiterentwickeln.
Für mich bedeutet Resilienz, dass Azubis lernen, mit Herausforderungen, Rückschlägen und Unsicherheiten umzugehen, ohne den Mut zu verlieren.
Resümee: Resilienz ist Teamarbeit – und braucht Zeit
Diese Erfahrungen machen deutlich: Die zentralen Veränderungen in der Ausbildung sind nicht das „Problem“ – es ist vielmehr die gestiegene Komplexität im Alltag. Vielfalt ist Chance und Herausforderung zugleich, besonders dann, wenn Sprache, Lernbiografien und private Belastungen stärker in die Ausbildung hineinwirken. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an Betreuung und Kommunikation, während Ressourcen oft knapper werden.
Drei Punkte ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Antworten:
- Begleitung wird individueller – und damit zeitintensiver. Wer unterschiedliche Startpunkte ausgleichen will, braucht Raum für Erklärungen, Wiederholungen und Sicherheit.
- Feedback und Wertschätzung sind keine Extras, sondern Stabilität im Lernprozess. Fortschritte sichtbar zu machen und kleine Erfolge zu feiern, wirkt wie ein Anker – gerade bei Druck und Rückschlägen.
- Resilienz betrifft beide Seiten. Azubis lernen, mit Unsicherheit umzugehen – Ausbildende brauchen zugleich Gelassenheit, Flexibilität und Unterstützung durch Team und Führung.
Der Wunsch nach mehr Zeit, klaren Strukturen und Qualifizierung im Team ist deshalb kein „Nice-to-have“, sondern eine Voraussetzung, damit Ausbildung verlässlich gelingt. Resiliente Ausbildung entsteht nicht aus Appellen, sondern aus Rahmenbedingungen, die Menschen tragen – Azubis genauso wie Ausbildende.
Der Wunsch nach mehr Zeit, klaren Strukturen und Qualifizierung im Team ist deshalb kein „Nice-to-have“, sondern eine Voraussetzung, damit Ausbildung verlässlich gelingt.

Christiane Reimann ist Praxisanleiterin der Auszubildenden und Mitarbeiterin in der Intensivpflege-WG bei der VitaConSana GmbH.

Das Interview führte Bruno Pusch. Er ist Mitarbeiter im Fachbereich „Fachkräftesicherung“ beim RKW Kompetenzzentrum.
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