EXPERTENBEITRAG



Stark durch den Sturm:
Was die Kennzahlen von „ausgezeichneten“ Unternehmen verraten




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Hidden Champions stehen wie kaum eine andere Unternehmensgruppe für die Stärke des deutschen Mittelstands. Doch was macht nicht nur diese oft verborgenen Weltmarktführer, sondern herausragende mittelständische Unternehmen insgesamt resilient in Zeiten wachsender Unsicherheit und tiefgreifender Veränderungen? Die Kennzahlen von 1.196 ausgezeichneten Unternehmen – darunter Hidden Champions, Marktführer und regionale Platzhirsche – zeigen, wie sich Resilienz über alle Größenklassen hinweg durch einen der schwierigsten Konjunkturzyklen der jüngeren Geschichte darstellt. 

Der Mittelstand als Rückgrat und Seismograf 

Deutschlands Mittelstand ist mehr als eine wirtschaftspolitische Kategorie, denn er trägt Beschäftigung, Ausbildung, Investitionen und regionale Stabilität in einer Breite, die kein anderer Teil der Wirtschaft erreicht.

In den vergangenen Jahren haben führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für Deutschland wiederholt nach unten korrigiert, getrieben unter anderem von Energiepreisen, Fachkräftemangel und geopolitischen Unsicherheiten. Einzelne Institute prognostizieren für die nächsten beiden Jahre wieder ein leichtes Wachstum. 

Der Mittelstand ist ein Seismograf für die gesamtwirtschaftliche Lage und Stimmung. Je nach Größe und Sektor lässt sich das Gesamtbild derzeit am ehesten als „vorsichtig optimistisch“ beschreiben. Wenn der Mittelstand unter Druck gerät, betrifft das Beschäftigung, Innovation und regionale Wertschöpfung. Treffen die Belastungen Hidden Champions, geraten zusätzlich jene Unternehmen unter Druck, die Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit in vielen industriellen Nischen prägen.

 

Resilienz ist mehr als Durchhalten 

In der öffentlichen Debatte wird Resilienz häufig mit „Durchhaltewillen" oder „Zähigkeit" verwechselt. Organisationale Resilienz meint jedoch nicht nur das Ertragen von Krisen, sondern die Fähigkeit, unter Unsicherheit steuerungsfähig zu bleiben. 

Entscheidend ist nicht das starre Festhalten am Bestehenden, sondern die richtige Balance zwischen Stabilisieren, Verändern und Transformieren zu finden. Unternehmen müssen auf Druck reagieren, ohne in operative Unruhe zu verfallen. Sie müssen Prioritäten setzen, ohne strategisch beliebig zu werden. Sie müssen Entscheidungen treffen, obwohl Märkte, Kostenstrukturen und Rahmenbedingungen immer unvorhersehbarer sind und weil selbst neue Technologien immer kürzere Halbwertszeiten haben. 

Wenn die Zukunft somit insgesamt weniger planbar wird, ist Resilienz im Mittelstand eine Frage der Führungs-, Organisations- und Entscheidungsqualität zur Nutzung verbleibender Chancen unter Begrenzung von Risiken. Das gilt für mittelständische Unternehmen, vor allem aber auch für Hidden Champions, die im sich verschärfenden globalen Wettbewerb stehen.

Drei Logiken der Resilienz nach Unternehmensgröße 

Die Resilienzstudie des RKW Kompetenzzentrums, die gemeinsam mit der WHU – Otto Beisheim School of Management, dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) und der Oskar-Patzelt-Stiftung erarbeitet wurde, machte eine wichtige Unterscheidung: Resilienz sieht nicht für alle Unternehmen gleich aus. Sie ist abhängig von der Unternehmensgröße: 

  • 1

    Kleine Unternehmen

     leben von Wahrnehmungsschärfe und Anpassungsgeschwindigkeit. Sie reagieren flexibel, während andere noch analysieren und planen. 

  • 2

    Mittelgroße Betriebe

     setzen auf stabile Strukturen, die auch unter Druck Orientierung geben. 

  • 3

    Größere Unternehmen

     machen Resilienz zur strategischen Daueraufgabe, um Wachstumsziele zu erreichen und Unsicherheit in längerfristige Prioritäten zu übersetzen.​

Hidden Champions finden sich in allen drei Kategorien, insbesondere aber bei den mittelgroßen und größeren Betrieben. Entsprechend treffen auf sie vor allem jene Resilienzlogiken zu, die durch stabile Strukturen Orientierung geben und Unsicherheit in längerfristige strategische Prioritäten übersetzen.

Was aber über alle Größenklassen hinweg konstant blieb, ist bemerkenswert: ihre Leistungs- und Ergebnisorientierung als „stille“ Selbstverständlichkeit. Wo Informationen zur Zielerreichung offen im Unternehmen zirkulieren können, Verantwortung tragfähig verteilt wird und Leistungsanspruch mit Lernfähigkeit verbunden bleibt, entsteht „Antifragilität". Genau das unterscheidet die analysierten Unternehmen von weniger beständigen Wettbewerbern.

Wo Informationen zur Zielerreichung offen im Unternehmen zirkulieren können, Verantwortung tragfähig verteilt wird und Leistungsanspruch mit Lernfähigkeit verbunden bleibt, entsteht 'Antifragilität'.


Was die „Kennzahlen der Besten" zeigen 

Die aggregierten und anonymisierten „Kennzahlen der Besten“ des „Großen Preises des Mittelstandes“   machen sichtbar, wie stark sich selbst ausgezeichnete Unternehmen in einem volatilen Umfeld zwischen Expansion und Korrektur bewegen. Die Stichprobe umfasst sowohl Hidden Champions als auch zahlreiche andere ausgezeichnete mittelständische Unternehmen. Die Kennzahlen erlauben deshalb keine Aussagen über Hidden Champions allein, wohl aber über Muster, die leistungsstarke Unternehmen des Mittelstands insgesamt kennzeichnen. Es zeigt für den Zeitraum 2020 bis 2026 einen ausgeprägten Aufschwungs- und Rückgangszyklus. 

Die technische Umsetzung des Dashboards erfolgte ehrenamtlich durch die ICONTEC GmbH mit Sitz in Ilmenau. Urheber des Dashboards sind Sebastian Seefeld, Jan Kemmerzell und Christian Wewezow. 

Das Dashboard „Kennzahlen der Besten“ ist kostenfrei öffentlich für Unternehmen zugänglich.

Tipp: Nutzen Sie die Reiter am unteren Rand des Dashboards, um zwischen den Ansichten zu wechseln. 
Violett = aktiv. Durch Klicken auf einzelne Felder lassen sich die angezeigten Kennzahlenentwicklungen individuell nach Wunsch filtern.

Resilienz bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, Rückgänge zu vermeiden, sondern trotz Rückgangs steuerungs- und handlungsfähig zu bleiben.


  • 2020


    Gesamtumsatz von rund 21 Milliarden Euro 

  • 2021


    Anstieg auf 36 Milliarden Euro 

  • 2022


    Erneuter Anstieg auf 53 Milliarden Euro 

  • 2023


    Höchststand bei 54 Milliarden Euro 

  • 2024


    Deutlicher Rückgang auf 36 Milliarden Euro 

  • 2025


    Weiterer Rückgang auf 24 Milliarden Euro

  • 2026


    Umsatz bei rund 22 Milliarden Euro – nahezu wieder auf Ausgangsniveau

​Diese Entwicklung ist aufschlussreich, weil sie keine isolierte, kumulierte Umsatzbewegung zeigt. Die Verläufe deuten auf eine enge Kopplung zwischen Umsatz, Beschäftigung und Ausbildungsplätzen hin. In der Aufschwungphase wurden personelle Kapazitäten (inklusive Ausbildungsplätze) ausgebaut, in der anschließenden Korrekturphase wurden diese Effekte in ähnlicher Richtung wieder abgebaut. 

Dagegen verliefen andere Quoten – etwa bei Investitionen, Forschung und Entwicklung oder Marketing – stabiler. Das spricht dafür, dass die erste Reaktion auf konjunkturelle Ausschläge weniger in einer vollständigen strategischen Neuordnung liegt als in einer operativen Steuerung über Volumen, Auslastung und Kapazitäten.

Resilienz bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, Rückgänge zu vermeiden, sondern trotz Rückgangs steuerungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Resilienz heißt: trotz Rückgangs steuerungs- und handlungsfähig bleiben 

Wie lassen sich diese Zahlen interpretieren? Die Kennzahlen erzählen keine Geschichte kontinuierlichen Wachstums, sondern eine Geschichte unternehmerischer Anpassung. Das Kennzahlenbild zeigt nicht, dass ausgezeichnete Unternehmen von einer Phase zwischen „Rezession und Stagnation“ verschont bleiben. Es zeigt vielmehr, dass auch leistungsfähige Unternehmen aller Größenklassen sich den aktuellen Bedingungen nicht entziehen können und entsprechenden Ausschlägen ausgesetzt sind. 

Resilienz bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, Rückgänge zu vermeiden, sondern trotz Rückgangs steuerungs- und handlungsfähig zu bleiben. Genau hier verbindet sich das Kennzahlenbild mit der Logik der RKW-Resilienzstudie: Die Fähigkeit, Unsicherheit zu ordnen, Mut zu schenken, Prioritäten zu setzen und organisationale Balance zu halten, wird zur eigentlichen unternehmerischen Leistung – auch und vor allem für Hidden Champions.

Christian Wewezow ist Stiftungsvorstand der Oskar-Patzelt-Stiftung sowie Geschäftsführer der Clockwise Consulting GmbH und Startify GmbH. 
​
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