LEITARTIKEL

Hidden Champions – im Zeitalter neuer Herausforderungen


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Deutschlands Exporterfolg basiert nicht primär auf Großkonzernen, sondern auf hochspezialisierten mittelständischen Weltmarktführern. Für sie habe ich 1990 den Begriff „Hidden Champions“ geprägt. Die Hidden Champions sind seither etwa um den Faktor zehn gewachsen. Heute stellt sich die Frage, ob sie im Zeitalter neuer Herausforderungen und Krisen ihre Führungsrolle behaupten können.

Neue Spielregeln der Globalisierung

Zwischen 1990 und 2010 wuchsen die globalen Exporte schneller als das Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wir sprechen von der Phase der Hyperglobalisierung. Seit 2010 wachsen die globalen Exporte langsamer als das globale BIP. Ich nenne das relative Deglobalisierung. Sie markiert aber keineswegs das Ende der Globalisierung, sondern Exporte werden vermehrt durch ausländische Direktinvestitionen ersetzt. Produktion, Forschung und Vertrieb müssen dort stattfinden, wo sie strategisch optimal sind. Es geht darum, für jede Aktivität den besten Standort in der Welt zu finden. Hidden Champions besitzen hier einen Vorteil: Sie sind bereits global präsent, flexibel, reagieren schnell und nutzen Chancen weltweit.

Was Hidden Champions auszeichnet

Hidden Champions gehören in ihrem Markt zu den Top 3 weltweit, setzen im Schnitt etwa 600 Millionen Euro um und sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Fundament ihres unternehmerischen Erfolgs ist die Ambition, in ihrem Markt der Beste zu sein. Niklas Stihl vom Weltmarktführer für Motorsägen formuliert es so: „Entweder sind wir die Besten oder wir machen es nicht.“

Wie wird man der Beste? Durch Fokussierung! Nur Fokus führt zu Weltklasse. Hidden Champions machen nur eine Sache, diese aber besser als jeder andere. Fokussierung begrenzt allerdings den Markt. Die Lösung lautet globale Präsenz. Spezialisierung plus Globalisierung, dieses Erfolgsparadox prägt die Hidden Champions.

 Entweder sind wir die Besten oder wir machen es nicht. Niklas Stihl

Innovation und Kundennähe

Hidden Champions investieren etwa doppelt so viel in Forschung und Entwicklung wie der Branchendurchschnitt. Besonders bemerkenswert ist ihre Patentbilanz. Sie halten durchschnittlich 32 Patente pro 1.000 Mitarbeitende, bei Großunternehmen sind es nur sechs. Entscheidend für Innovationserfolg sind Kundennähe und Kenntnis der Kundenbedürfnisse. Wer im „Maschinenraum“ der Kundschaft präsent ist, erkennt Veränderungen früh und kann Innovationen in marktfähige Lösungen umsetzen. Deutschland ist stark in der Forschung, aber zu langsam in der Umsetzung. Die Hidden Champions sind hier besser.

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32

Hidden Champions halten durchschnittlich 32 Patente pro 1.000 Mitarbeitende.


Digitalisierung im B2B-Bereich

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden häufig auf Konsumentenplattformen reduziert. Dabei findet die tiefgreifendere Transformation in industriellen Prozessen statt. Deutsche Hidden Champions spielen dabei weltweit eine führende Rolle. TeamViewer ist auf mehr als 2,5 Milliarden Geräten installiert. DeepL gilt als qualitativ führendes Übersetzungssystem. Celonis ist globaler Pionier im Process Mining. Die Hälfte des in der Welt verbrauchten Stroms läuft durch die Laststufenregler von Reinhausen. 


Business-Ökosysteme als Erfolgsmodell

Technologische Spitzenleistungen entstehen heute zunehmend in sogenannten Business-Ökosystemen. Ein Beispiel ist die Extreme Ultraviolette Lithographie (EUV), die Schlüsseltechnologie für modernste Halbleiter. ASML liefert das System, Trumpf den Laserverstärker, der aus 457.329 Komponenten besteht und 50.000 Zinntropfen pro Sekunde auf den Chip schießt. Zeiss liefert das optische System, das 56 Milliarden Transistoren auf der Fläche eines Daumennagels platziert. Kein einzelnes Unternehmen könnte eine solche Komplexität allein bewältigen.

Hidden Champions übernehmen in Ökosystemen klar definierte, oft unverzichtbare Rollen. Ihre Stärke liegt in tiefster Spezialisierung und technologischer Exzellenz.


 Ihre Stärke liegt in tiefster Spezialisierung und technologischer Exzellenz.​


Kundennutzen statt Preis

Hidden Champions definieren ihren Erfolg nicht über den niedrigsten Preis, sondern über den höchsten Kundennutzen. Preisprämien von 10 bis 15 Prozent werden akzeptiert, wenn Qualität, Service und technologische Überlegenheit stimmen.


Die Wurzeln des Erfolgs

Die Wurzeln des Erfolgs liegen in Führung und Mitarbeitenden. Hidden Champions investieren 50 Prozent mehr als der Durchschnitt in Ausbildung. Gleichzeitig ist die Fluktuation mit 2,7 Prozent extrem niedrig. Die Kontinuität der Führung ist hoch. Die Chefinnen und Chefs von Hidden Champions bleiben durchschnittlich 21 Jahre an der Spitze ihrer Unternehmen, bei Großunternehmen sind es nur sechs Jahre. Ihre Führung verbindet klare Prinzipien mit größerer Freiheit in der Umsetzung durch die Mitarbeitenden. 

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50%

Hidden Champions investieren 50 Prozent mehr als der Durchschnitt in Ausbildung.


Fazit

Auch Hidden Champions stehen heute vor enormen Herausforderungen. Dennoch bin ich optimistisch. Ihre Kombination aus Ambition, globaler Präsenz, technologischer Exzellenz und langfristiger Führung macht sie widerstandsfähig. Sie bleiben Vorbilder für Führung und Strategie im 21. Jahrhundert.


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Quelle: RKW Kompetenzzentrum/2026, iStock_SolStock

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon ist Gründer und Honorary Chairman von Simon-Kucher & Partners. 

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