RKW EXPERTISE


Zwischen Schule und Zukunft: 
Wie Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter Lebenswege prägen



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Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter sind Auszubildende und junge Fachkräfte, die Schulen besuchen und aus ihrem Berufsalltag berichten. Sie sprechen über ihre Ausbildung, ihren Arbeitsalltag und ihren eigenen Weg in den Beruf. Die Initiativen von Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern setzen damit bewusst auf persönliche Erfahrungen statt auf reine Informationsvermittlung.

Berufsorientierung im Realitätscheck

Die Berufsentscheidungen junger Menschen verlaufen selten nach Plan. Häufig sind sie geprägt von Erwartungen und Wünschen der Eltern sowie frühen Weichenstellungen entlang klassischer Bildungswege, die sich Jugendliche oft noch kaum in der Praxis vorstellen können. Beim fünften Netzwerktreffen der Ausbildungsbotschafterinitiativen am 19. März 2026 in der IHK Düsseldorf stand deshalb weniger das Konzept im Mittelpunkt als die Wirkung: Wie entstehen berufliche Wege tatsächlich – und wie können junge Menschen dabei besser erreicht werden?


Zwischen Erwartung und Entscheidungsdruck

Viele Jugendliche orientieren sich weiterhin stark an ihrem Umfeld und traditionellen Bildungswegen. Das Abitur gilt oft als Standard, ein Studium als logische Folge – unabhängig davon, ob bereits konkrete Vorstellungen über Inhalte oder Alternativen bestehen. 

Gleichzeitig bleibt die duale Ausbildung im öffentlichen Bewusstsein häufig unter dem Radar, obwohl sie stabile Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Das Spannungsfeld ist klar: Eine hohe akademische Erwartung trifft auf einen Arbeitsmarkt, der zugleich stark auf beruflich qualifizierte Fachkräfte angewiesen ist.

Vom Ausbildungsweg zur Neuorientierung

Wie sich dieses Spannungsfeld im konkreten Verlauf zeigt, lässt sich an der Entwicklung von Eva Zuidam nachvollziehen. Nach dem Abitur beginnt sie ein duales Studium im Bereich Tourismusmanagement. Theorie und Praxis wechseln sich ab, sodass der Weg zunächst klar strukturiert wirkt. 

Mit der Zeit verändert sich jedoch ihr Blick auf beide Bereiche. Die theoretischen Inhalte bleiben für sie wenig greifbar, während sie im Hotel in der praktischen Arbeit zunehmend ihren Platz findet und dort eine berufliche Nähe entwickelt, die im Studium fehlt. Statt eines abrupten Bruchs entsteht eine schrittweise Verschiebung: Der ursprünglich geplante Weg trägt im Alltag nicht mehr vollständig.


Bewusste Entscheidung für die Ausbildung

Eva Zuidam entscheidet sich gegen das Studium und für die Ausbildung im Hotel. Dieser Schritt fällt ihr nicht leicht. Lang bleibt die Unsicherheit, ob ein Studienabbruch ihre Chancen auf eine Ausbildungsstelle schmälert. Umso größer ist die Erleichterung, als ihre Bewerbung im Hotel Kö59 nicht nur angenommen, sondern ausdrücklich positiv aufgenommen wird – auch von ihrer ehemaligen Ausbilderin, die den ungewöhnlichen Werdegang eher als Stärke denn als Hürde sieht.
Sie steigt direkt ins zweite Lehrjahr ein – kein kompletter Neustart, sondern eine bewusste Neuverortung.

Rückblickend beschreibt Eva Zuidam diesen Schritt nicht als Abbruch, sondern als den Moment, in dem ihre berufliche Laufbahn an Klarheit gewinnt.

Genau hier setzen Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter an: Sie machen solche Wege im Schulalltag sichtbar und übersetzen abstrakte Berufsorientierung in konkrete Erfahrungen aus der Praxis – wie sie sich auch im Werdegang von Eva Zuidam zeigen.

Hier setzen Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter an: Sie machen solche Wege im Schulalltag sichtbar und übersetzen abstrakte Berufsorientierung in konkrete Erfahrungen aus der Praxis.


Entwicklung statt klassischer Karriereleiter

Heute ist Eva Zuidam im Hotel Kö59 in Düsseldorf als Personal-Assistant des General Managers tätig. Wenn sie auf ihren Weg zurückblickt, beschreibt sie ihn weniger als klassische Karriereleiter, sondern als Entwicklung, die sich Schritt für Schritt aus praktischer Erfahrung und persönlicher Passung ergeben hat. Ihre Rolle ist geprägt von Organisation, Verantwortung und direkter Nähe zum operativen Geschäft.

Diese Art von Entwicklung steht im Zentrum der Ausbildungsbotschafterinitiativen: In ihrer Zeit als Ausbildungsbotschafterin brachte Eva Zuidam ihre Erfahrungen in Schulklassen ein. Dort traf sie auf Jugendliche, die noch vor ihren beruflichen Entscheidungen standen und häufig nach Orientierung suchten – ein Bild, das sich bis heute in vielen Schulen wiederfindet.


Wirkung durch persönliche Nähe

Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter übernehmen in diesem Kontext eine besondere Rolle. Sie vermitteln keine abstrakten Berufsmodelle, sondern persönliche Erfahrungen aus ihrem eigenen Alltag.

Und darin liegt auch ihre Wirkung: Orientierung entsteht nicht allein durch Informationen, sondern durch nachvollziehbare Lebensgeschichten. Berufswege werden dadurch sichtbar – inklusive Umwegen, Unsicherheiten und Entscheidungen.

Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter vermitteln keine abstrakten Berufsmodelle, sondern persönliche Erfahrungen aus ihrem eigenen Alltag.


Fazit: Berufliche Wege entstehen im Prozess

Im Panel wird deutlich, dass viele Bildungsentscheidungen getroffen werden, bevor echte Einblicke in die berufliche Praxis möglich sind. Dadurch entstehen oft verzerrte Bilder: Akademische Bildungswege gelten als Standard, während die Vielfalt und Entwicklungsmöglichkeiten der dualen Ausbildung unterschätzt werden. 

Eva Zuidams Werdegang steht beispielhaft für eine zentrale Erkenntnis: Berufliche Entwicklung verläuft nicht linear, sondern entsteht aus Erfahrung, Entscheidung und Alltagspraxis.

Genau diese realen Verläufe bleiben in Schulen oft unsichtbar – Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter holen sie ins Klassenzimmer.

Über das Netzwerk der Ausbildungsbotschafterinitiativen

Seit 2023 betreut das RKW Kompetenzzentrum das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) gegründete bundesweite Netzwerk der Ausbildungsbotschafterinitiativen.

Aktuell sind 113 Initiativen Teil dieses Netzwerks. Ziel ist es, bestehende Strukturen zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und Berufsorientierung durch praxisnahe Formate zu stärken.


Ausbildungsbotschafter

Sabine Erdler ist Mitarbeiterin im Fachbereich „Fachkräfte“ beim RKW Kompetenzzentrum. 

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