
Container for the scroll indicator
(Will be hidden in the published article)
Prof. Vilgertshofer, Frau Kempf, wenn man auf das Thema Digitalisierung in der Bauausbildung blickt, wirkt vieles noch abstrakt. Wo stehen wir aktuell – und was hat Sie in Ihren bisherigen Untersuchungen besonders überrascht?
Lena Kempf: Wir haben hier ein eher uneinheitliches Bild: Digitalisierung ist bei den Betrieben schon in unterschiedlichem Maße angekommen. In der Ausbildung spielt sie jedoch oft nur eine geringe Rolle. Es zeigt sich, dass die Baupraxis die Ausbildung in vielen Bereichen überholt hat.
Was uns überrascht hat, ist jedoch weniger, in welchen Bereichen noch nichts passiert ist, sondern eher, wo bereits sehr viel passiert. An vielen Lernorten gibt es gute Ansätze, doch es fehlt an Austausch und Vernetzung, um diese sichtbar und für alle nutzbar zu machen. Gerade Betriebe sind häufig schon digitaler, als sie selbst denken. Anwendungen wie die digitale Baustellendokumentation sind oft bereits etabliert, werden aber kaum in die Ausbildung übertragen. Ein digitales Berichtsheft wäre hier ein naheliegender Einstieg. An den anderen Lernorten dominieren strukturelle Hürden. Begrenzte Ressourcen erschweren die Entwicklung und Umsetzung digitaler Inhalte und es fehlen häufig didaktische Konzepte sowie technische Betreuung. Selbst wenn digitale Endgeräte vorhanden sind, bleiben diese häufig ungenutzt. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus geeigneten Inhalten, ausreichenden Ressourcen und einer didaktisch sinnvollen Einbindung.
Gerade Betriebe sind häufig schon digitaler, als sie selbst denken.
Sie betrachten die Bauausbildung entlang aller Lernorte – Betrieb, Berufsschule und überbetriebliche Ausbildung. Wo hakt die Digitalisierung heute am meisten, und wo liegen bislang ungenutzte Potenziale?
Prof. Vilgertshofer: Wenn wir die gesamte Bauausbildung betrachten, wird deutlich, dass eine zentrale Herausforderung in der fehlenden Vernetzung zwischen den Lernorten liegt. Das betrifft nicht nur die Abstimmung zwischen Betrieben, Berufsschulen und überbetrieblicher Ausbildung, sondern auch den Austausch innerhalb gleicher Lernorte. In der Folge wird vorhandenes Wissen zu wenig geteilt und Synergien werden nicht genutzt. Außerdem gelingt es der Baupraxis häufig nicht, ihre Anforderungen systematisch in die Ausbildung zurückzuspielen, wodurch eine praxisorientierte Anpassung der Ausbildung erschwert wird. Digitalisierung wird zudem häufig noch als Zusatzthema behandelt, statt sie gezielt in bestehende Inhalte zu integrieren.
Viele kleine und mittlere Bauunternehmen fragen sich: Was heißt das konkret für uns? Können Sie einen digitalen Ansatz nennen, der schon heute realistisch umsetzbar ist und den Ausbildungsalltag spürbar verbessert?
Prof. Vilgertshofer: Ein konkreter und niedrigschwelliger Ansatz ist die Einführung eines digitalen Berichtshefts. Viele Betriebe nutzen bereits Tools zur digitalen Baustellendokumentation. Das digitale Berichtsheft ist im Grunde das Ausbildungspendant dazu und lässt sich oft ohne großen Aufwand integrieren. Im Austausch mit Unternehmen wurde deutlich, dass es Vorbehalte gibt, etwa die Sorge, dass grundlegende Fähigkeiten wie das Anfertigen von Skizzen an Bedeutung verlieren könnten. Digitale Lösungen berücksichtigen aber auch diese Wünsche. Außerdem bieten sie klare Vorteile: Einträge sind leserlich, strukturierter und können durch Fotos oder Skizzen ergänzt werden. Auch unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen können berücksichtigt werden, etwa durch unterstützende Funktionen wie Rechtschreibkorrekturen. Aktuell wird das Berichtsheft zudem häufig noch als Pflichtaufgabe gesehen. Perspektivisch kann daraus jedoch ein echter Mehrwert entstehen: Ausbildungsfortschritte werden transparenter und Gelerntes lässt sich leichter reflektieren. So hat das Berichtsheft das Potenzial, sich zu einem aktiven Lerninstrument zu entwickeln.
Wichtig ist außerdem, optimistisch zu sein und Auszubildenden auch Verantwortung zuzutrauen.
Am Ende Ihres Projekts soll ein Digitalisierungskonzept entstehen. Was dürfen Ausbildungsbetriebe, Schulen und Auszubildende davon erwarten – und welchen ersten Schritt würden Sie KMU schon jetzt empfehlen?
Lena Kempf: Das Digitalisierungskonzept soll allen beteiligten Akteurinnen und Akteuren Orientierung bieten, ohne starre Vorgaben zu machen. Es soll Ansatzpunkte aufzeigen, wie Digitalisierung unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen in die Ausbildung integriert werden kann, mit Fokus auf praktikable Lösungen und Best Practices als Inspirationsquelle. Im Projektverlauf hat sich zudem gezeigt, dass vorhandenes Wissen oft nicht ausreichend geteilt wird. Genau hier liegt ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt für uns: stärkere Vernetzung, um Erfahrungen zu bündeln, voneinander zu lernen und bestehende Ansätze gemeinsam weiterzuentwickeln. Als ersten Schritt für KMU empfehle ich eine digitale Bestandsaufnahme. Bestehende Lösungen bieten häufig auch einen einfachen Einstieg, um Digitalisierung in der Ausbildung zu erproben. Wichtig ist außerdem, optimistisch zu sein und Auszubildenden auch Verantwortung zuzutrauen. Wenn etwas nicht optimal läuft, sind Anpassungen jederzeit möglich und gehören zum Prozess dazu.
Vielen Dank an Sie beide für die interessanten Einblicke in Ihre Untersuchungen.

Prof. Dr. Simon Vilgertshofer ist Professor für Bauinformatik an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Hochschule München und leitet das Projekt Projekt „Untersuchungen zur Zukunft der handwerklichen Ausbildung für Bauberufe in Bayern“.
E-Mail schreiben


Das Interview führte Tanja Leis. Sie ist Mitarbeiterin der RG-Bau beim RKW Kompetenzzentrum.
E-Mail schreiben
Container for the dynamic page
(Will be hidden in the published article)
