INTERVIEW
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Im Schuljahr 2023/24 verließen rund 62.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei den Schulabbrechern. Im Schuljahr 2023/24 verließen rund 62.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss – so viele wie seit 2013 nicht mehr. Die Quote liegt damit zwischen sechs und sieben Prozent. Auffällig ist dabei die ungleiche Verteilung: Vor allem männliche Jugendliche, junge Menschen mit Migrationshintergrund sowie Schülerinnen und Schüler an Förder- und Hauptschulen sind überproportional betroffen. Trotz zahlreicher Reformen gelingt es dem System bislang nicht, diese Gruppen ausreichend zu erreichen und zu fördern.
Rund 18 Millionen Menschen
befanden sich 2022 in einer Bildungseinrichtung.
Dabei mangelt es nicht an Investitionen. Die Bildungsausgaben sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen – um 46 Prozent auf zuletzt 264 Milliarden Euro im Jahr 2022. Auch die Anzahl der Schulen sowie der Lehrerinnen und Lehrer ist gewachsen. Allerdings auch die der Lernenden: Rund 18 Millionen Menschen befanden sich 2022 in einer Bildungseinrichtung, etwa eine Million mehr als ein Jahrzehnt zuvor. Dadurch relativiert sich der finanzielle Kraftakt bei genauerem Hinsehen: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der Anteil der Bildungsausgaben seit 2012 lediglich minimal gestiegen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an das System schneller als die Ressourcen.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung, die lange Zeit als Erfolgsgeschichte galt und nun ins Stocken gerät: die Akademisierung. Über Jahrzehnte hinweg entschieden sich immer mehr junge Menschen für ein Studium – doch dieser Trend stagniert. Die Nachfrage nach Hochschulbildung zeigt erste Anzeichen eines Rückgangs. Das ist bemerkenswert, denn in vielen Bereichen, insbesondere in den Naturwissenschaften, der Informatik und den Ingenieurwissenschaften, besteht bereits heute ein Mangel an qualifizierten Fachkräften.
Der Nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“
- Der Nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird seit 2006 im Zwei-Jahres-Rhythmus veröffentlicht. Er entsteht im Auftrag der Kultusministerkonferenz sowie des Bundesbildungsministeriums und wird von einer unabhängigen wissenschaftlichen Autorengruppe aus verschiedenen Forschungsinstituten erarbeitet. Grundlage bilden amtliche Statistiken ebenso wie sozialwissenschaftliche Daten und Studien.
- Inhaltlich deckt der Bericht das gesamte Bildungssystem ab – von der frühkindlichen Bildung in Kitas über Schulen und berufliche Ausbildung bis hin zu Hochschulen und Angeboten der Weiterbildung.
- Ziel ist es, zentrale Probleme und Herausforderungen sichtbar zu machen und politischen wie administrativen Entscheidungsträgerinnen und -trägern eine belastbare, datenbasierte Grundlage für Steuerungs- und Reformprozesse zu liefern.
Frau Müller, in Ihrem Buch „Schule gegen Kinder“ erörtern Sie, dass das deutsche Schulsystem am Abgrund steht: marode Gebäude, veraltete Lehrpläne, ungleiche Chancen, überforderte Kinder und ausgebranntes Lehrpersonal. Stecken wir in der Falle?
Ja, und wir wissen es eigentlich längst. Unser Schulsystem stammt in großen Teilen aus einer Zeit, in der Gehorsam wichtiger war als Kreativität und Gleichschritt wichtiger als Individualität. Heute leben Kinder in einer komplexen, digitalen Welt, aber Schule funktioniert oft noch nach dem Prinzip von vor 200 Jahren. Marode Gebäude, überlastete Lehrkräfte, Kinder unter Druck – das sind Symptome eines Systems, das nicht mehr zur Realität passt.
Die eigentliche Falle ist: Wir sehen die Probleme, aber wir verändern das System nicht konsequent genug. Und wir unterschätzen, wie sehr sich die Lebenswelt von Kindern bereits verschoben hat, insbesondere in digitale Räume, die im Bildungssystem kaum systematisch aufgegriffen werden.
Wir haben also ein veraltetes Schulsystem. Aber gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt, Stichwort „Future Skills“. Was tun?
Wir müssen endlich aufhören, Wissen nur abzuprüfen und anfangen, Zukunft zu gestalten. Es geht nicht mehr darum, Antworten auswendig zu können, sondern Fragen zu stellen, Probleme zu lösen und Zusammenhänge zu verstehen. Future Skills sind dabei mehr als digitale Fähigkeiten. Es geht um Orientierung in Unsicherheit, kritisches Denken, Kreativität und ganz zentral um das, was ich die „Superkraft Menschsein“ nenne: Empathie, Verantwortungsbewusstsein, die Fähigkeit, sich zu hinterfragen und mit anderen konstruktiv umzugehen.
Gerade in einer digital geprägten Welt werden diese menschlichen Kompetenzen entscheidend. Dafür brauchen wir weniger Stofffülle und mehr Raum für echte Auseinandersetzung und Beziehung, auch mit der Frage, wie wir als Gesellschaft handeln wollen.
Immer mehr Kinder brechen die Schule ab, was einen signifikanten Einfluss auf den Arbeitsmarkt hat. Wie können wir das Ruder herumreißen, wie kann eine Reform gelingen?
Kinder brechen nicht ab, weil sie „nicht können“, sondern weil sie sich nicht gesehen fühlen. Schule muss wieder ein Ort werden, an dem Kinder erleben: Ich habe etwas beizutragen. Dafür brauchen wir mehr Praxisbezug, mehr echte Beteiligung und vor allem Beziehung. Gleichzeitig müssen wir die digitale Lebenswelt ernst nehmen. Viele Erfahrungen, die Kinder heute prägen, entstehen außerhalb der Schule und oft im Netz. Wenn Schule diese Realität ausklammert, verliert sie den Anschluss.
Reform gelingt nur, wenn wir den Mut haben, Strukturen grundlegend zu verändern, bundesweite Standards zu schaffen und nicht nur an einzelnen Stellschrauben zu drehen.
Welche modernen Lernmethoden lohnen sich wirklich?
Die entscheidende Veränderung liegt weniger in einzelnen Methoden als in einem anderen Verständnis vom Lernen. Kinder lernen dann nachhaltig, wenn sie Sinn erkennen, Verantwortung übernehmen und aktiv beteiligt sind. Projektbasiertes und interdisziplinäres Lernen ermöglicht genau das: reale Fragestellungen, vernetztes Denken und die Erfahrung, dass das eigene Handeln Wirkung hat. Ebenso wichtig ist selbstgesteuertes Lernen, weil es Kinder darauf vorbereitet, sich in einer komplexen Welt orientieren zu können.
Gleichzeitig brauchen wir einen festen Platz für digitale Ethik im Unterricht. Kinder müssen verstehen, wie Plattformen funktionieren, wie Aufmerksamkeit gesteuert wird und welche Verantwortung mit dem eigenen Handeln verbunden ist. Lernen bedeutet heute auch, sich im digitalen Raum reflektiert und verantwortungsvoll zu bewegen.
Welche ungeahnten Potenziale bieten digitale Infrastrukturen?
Die Potenziale sind enorm, wenn wir sie sinnvoll nutzen. Digitalisierung kann Lernen individualisieren, Feedback verbessern und Zugänge zu Wissen neu eröffnen. Aber Technik allein verändert nichts. Das Problem ist nicht die fehlende Ausstattung, sondern die fehlende pädagogische Einbettung. Wir investieren in Geräte, aber zu wenig in Konzepte, Kompetenzen und eine klare Vorstellung davon, was gute Bildung im digitalen Zeitalter ausmacht. Digitale Infrastruktur muss deshalb immer mit der Frage verbunden sein: Wie unterstützt sie Lernen und wie stärkt sie verantwortungsvolles Handeln?
Eine Generation der zukünftigen Arbeitnehmenden erlebt einen Großteil ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation im Netz. Was bedeutet das für die Arbeit der Zukunft?
Eine Generation wächst in digitalen Räumen auf, die wir oft selbst nur begrenzt verstehen. Dort entstehen Kommunikationsmuster, Konfliktverhalten und Selbstbilder. Das hat direkte Auswirkungen auf Zusammenarbeit, Führung und Unternehmenskultur. Wenn Empathie dort nicht ausreichend entwickelt wird, spiegelt sich das später im Arbeitsalltag wider. Umso wichtiger ist es, dass wir genau hier ansetzen.
Die zentrale Kompetenz der Zukunft ist deshalb nicht nur digital, sondern menschlich. Die „Superkraft Menschsein“, also mitfühlen, widersprechen, sich korrigieren, Verantwortung übernehmen, wird zum entscheidenden Faktor für funktionierende Zusammenarbeit.
Unsere Aufgabe ist es, Kinder darauf vorzubereiten: technisch kompetent und gleichzeitig menschlich handlungsfähig. Denn genau diese Kombination wird die Arbeitswelt der Zukunft prägen.
Herzlichen Dank, Frau Müller, für diesen spannenden Einblick.


Das Interview führte Katja Gutschmidt. Sie ist Mitarbeiterin im Bereich „Kommunikation“ beim RKW Kompetenzzentrum.
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