
INTERVIEW
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„Grundsätzlich ist es so, dass ein höherer Bildungsabschluss die Gründungsneigung beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit einer Gründung erhöht.“
Die GEM-Daten zeigen, dass Gründerinnen und Gründer unabhängig vom Regionstypus deutlich häufiger über einen Hochschulabschluss verfügen als die jeweilige Gesamtbevölkerung. Welche Rolle spielen dabei regionale Bildungsinfrastrukturen und Arbeitsmarktanforderungen?
Sowohl in städtischen Regionen als auch in ländlichen Regionen haben die im GEM befragten Gründerinnen und Gründer einen höheren Abschluss als der Durchschnitt der jeweiligen Wohnbevölkerung. Aus der laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ist zu entnehmen, dass der Anteil der Akademiker an der Wohnbevölkerung in ländlichen Regionen in Ost- wie in Westdeutschland 2023 etwa bei 12 Prozent lag. In städtischen Regionen liegt der Akademikeranteil an der Wohnbevölkerung eher bei 20 Prozent in Westdeutschland und 30 Prozent in Ostdeutschland. Sowohl die Ausbildungs- als auch die Arbeitsmarktstrukturen in Städten begünstigen den hohen Akademikeranteil.
Darüber hinaus zeigen auch die GEM-Daten deutliche Unterschiede in der Bildungsstruktur von Gründerinnen und Gründern zwischen ländlichen und städtischen Regionen – insbesondere den vergleichsweise geringeren Anteil akademischer Abschlüsse bei Gründerinnen in ländlichen Regionen: Welche strukturellen Faktoren sehen Sie hier als ausschlaggebend, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus, um das Gründungspotenzial von Frauen in ländlichen Regionen gezielt zu fördern?
Es sollte hier nicht der Eindruck entstehen, dass Frauen in ländlichen Regionen seltener gründen, weil sie im Vergleich seltener über einen akademischen Abschluss verfügen. Die GEM-Daten zeigen zwar, dass der am häufigsten genannte Abschluss unter den Gründerinnen in ländlichen Regionen der Realschulabschluss (34 Prozent der befragten Frauen) ist, der Abstand zum Hochschulabschluss, den immerhin 28 Prozent der befragten Gründerinnen in ländlichen Regionen haben, sich jedoch als gering erweist.
Weitere Faktoren spielen für das Gründungsverhalten eine Rolle, beispielsweise die Infrastrukturausstattung oder die Struktur des Arbeitsmarkts, die die Gründungsneigung positiv oder negativ beeinflussen kann. So wird in ländlichen Regionen, die sehr touristisch geprägt sind, mehr gegründet als in nicht touristisch geprägten ländlichen Regionen. Die Bildung ist also nur ein Faktor, und die Bildungsbeteiligung von Frauen in ländlichen Regionen ist in der Vergangenheit stark gestiegen. In den 1960er Jahren verdeutlichte das von Dahrendorf geprägte Bild des „katholischen Arbeitermädchens auf dem Lande“ die multiplen Benachteiligungen, die Frauen aufgrund ihres ländlichen Lebensumfelds und ihres schlechten Zugangs zu Bildung erfuhren. Im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er Jahre nahm die Bildungsbeteiligung von Frauen und generell von Personen in ländlichen Regionen aber deutlich zu. Mittlerweile sind junge Frauen häufig besser gebildet als junge Männer. In ländlichen Regionen verließen 2023 31 Prozent der Mädchen in West- und 34 Prozent in Ostdeutschland die Schule mit der allgemeinen Hochschulreife (Abitur), aber nur 23 Prozent der Jungen in Westdeutschland beziehungsweise 25 Prozent in Ostdeutschland. Auch in Städten, wo der Anteil der Schüler mit Abitur etwa 10 Prozentpunkte höher ist, besteht diese Ungleichheit zugunsten der Mädchen, wie die laufende Raumbeobachtung zeigt.

„Mittlerweile sind junge Frauen häufig besser gebildet als junge Männer“
Zusammenfassend sollte die Vermittlung unternehmerischer Kompetenzen frühzeitig und praxisorientiert im Bildungssystem verankert werden. Darüber hinaus sind geschlechtersensible Förderansätze erforderlich, die insbesondere Frauen in ländlichen Regionen gezielt adressieren, etwa durch die Sichtbarmachung von Vorbildern, spezifische Unterstützungsprogramme und die Berücksichtigung struktureller Rahmenbedingungen wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Frau Dr. Tuitjer, vielen Dank für diese interessanten Einblicke.
INKAR (2023): Laufende Raumbeobachtung des BBSR – INKAR, Ausgabe 07/2025. Hrsg.: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn: https://www.inkar.de/ (letzter Abruf: 01.04.2026).
Gorynia-Pfeffer, N., Baharian, A., Schauer, J., Tuitjer, G., Bergholz, C. & Täube, F. (2025): Women Entrepreneurship Monitor 2024/25. Gründerinnen in Deutschland im internationalen Vergleich: RKW Kompetenzzentrum.
Täube, F., Hundt, C., Gorynia-Pfeffer, N., Bergholz, C., Schauer, J., Baharian, A., & Wallisch, M. (2025): Global Entrepreneurship Monitor: Unternehmensgründungen im weltweiten Vergleich – Länderbericht Deutschland 2024/25: RKW Kompetenzzentrum.


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