LEITARTIKEL


Bildung in Deutschland: 
Noch nicht alle Potenziale sind ausgeschöpft


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Die Suche nach qualifiziertem Personal gestaltet sich für viele Betriebe weiterhin schwierig. Zugleich führen die digitale und ökologische Transformation zu neuen Kompetenzanforderungen. Daher spielt (Aus-)Bildung eine herausragende Rolle, um den Fachkräftemangel und den strukturellen Wandel zu meistern. Wie aber ist es um die Bildung in Deutschland bestellt? Können Betriebe ihre (zukünftigen) Bedarfe decken? Und wo bestehen noch Potenziale bei der Gewinnung von Fachkräften?

Die hohe Bedeutung, die der Bildung für Betriebe, Individuen und die Volkswirtschaft zukommt, ist unumstritten. Bildung erhöht nicht nur die Produktivität und Anpassungsfähigkeit von Unternehmen, sie ist auch Voraussetzung für die Sicherung der individuellen Arbeitsmarktchancen sowie für Innovation und Wirtschaftswachstum. Gerade in der modernen Arbeitswelt ist lebenslanges Lernen unabdingbar, um mit den stetigen Änderungen Schritt halten zu können. Betrachtet man jedoch aktuelle Entwicklungen in den verschiedenen Segmenten des Bildungssystems, fällt auf, dass diese mit teils großen Herausforderungen konfrontiert sind.

Bildung erhöht nicht nur die Produktivität und Anpassungsfähigkeit von Unternehmen, sie ist auch Voraussetzung für die Sicherung der individuellen Arbeitsmarktchancen sowie für Innovation und Wirtschaftswachstum. 

Steigende Zahl an jungen Menschen ohne Schulabschluss und rückläufige Kompetenzen

Zwar war in den vergangenen Jahren ein Trend zu höheren Schulabschlüssen zu beobachten, doch hat sich zugleich der Anteil junger Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, erhöht. Dies traf im Jahr 2024 auf 8 Prozent aller Schulabgängerinnen und Schulabgänger zu. Ihre Chancen, in eine Ausbildung einzumünden, sind gering.

Problematisch ist nicht nur, dass immer mehr Jugendliche ohne Abschluss von der Schule abgehen, sondern auch, dass die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren rückläufig waren. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie (2022). Hinzu kommt, dass Bildung in Deutschland so stark wie in kaum einem anderen Land vom sozialen Hintergrund abhängt. Folglich gilt es, benachteiligte Kinder und Jugendliche stärker als bislang zu unterstützen – nicht nur, um ihre Aufstiegschancen zu erhöhen, sondern auch, um ihre Potenziale für den Arbeitsmarkt besser auszuschöpfen.

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aller Schulabgängerinnen und Schulabgänger haben 2024 die Schule ohne Abschluss verlassen.

Anhaltender Trend zur Akademisierung und Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt

Vor dem Hintergrund der gestiegenen Zahl an Abiturientinnen und Abiturienten beginnen seit nunmehr über zehn Jahren jeweils etwas mehr junge Menschen ein Studium als eine duale Ausbildung. Angesichts des digitalen und ökologischen Wandels, aber auch des altersbedingten Ausscheidens vieler Akademikerinnen und Akademikern aus dem Arbeitsmarkt gehen Prognosen von einem weiterhin hohen Bedarf der Wirtschaft an akademisch ausgebildeten Fachkräften aus.

Der anhaltende Trend zum Studium geht mit einem Rückgang der dualen Ausbildung einher. Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zufolge ist die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge im aktuellen Ausbildungsjahr erneut gesunken. Wie bereits in den Vorjahren blieb ein hoher Anteil an Ausbildungsplätzen unbesetzt; zugleich hat die Zahl der jungen Menschen, die erfolglos nach einem geeigneten Ausbildungsplatz suchen, weiter zugenommen. Dies deutet auf massive Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt hin.

Unbesetzte Ausbildungsplätze erschweren ebenso wie vorzeitige Vertragslösungen die Möglichkeiten der Fachkräftesicherung: Die Vertragslösungsquote ist in den vergangenen Jahren angestiegen, und auch wenn es sich nicht bei jeder vorzeitigen Vertragslösung um einen Ausbildungsabbruch handelt, verbleibt eine hohe Zahl an jungen Menschen längerfristig ohne Berufsabschluss. Dies traf zuletzt auf knapp 3 Millionen Personen im Alter zwischen 19 und 34 Jahren zu. Dem Arbeitsmarkt gehen hierdurch wertvolle Potenziale verloren.

Ungleichheiten beim Zugang zur Weiterbildung

Trotz der hohen Bedeutung des lebenslangen Lernens in der modernen Arbeitswelt hat die betriebliche Weiterbildung nach einem massiven Einbruch in der Corona-Pandemie das Vor-Krisen-Niveau noch nicht erreicht. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Weiterbildungschancen unterscheiden sich zudem deutlich zwischen einzelnen Beschäftigtengruppen. Insbesondere Geringqualifizierte und Ältere nehmen nur unterdurchschnittlich teil. Dies hat unter anderem mit mangelnden Informationen über Weiterbildungsmöglichkeiten zu tun, aber auch mit Ängsten vor dem Lernen. Um die Weiterbildungsbeteiligung zu erhöhen, muss an diesen Hürden angesetzt werden. Dabei sollten auch der Bekanntheitsgrad und die Nutzung bestehender Förderinstrumente ausgebaut werden.


Fazit: Bestehende Potenziale besser ausschöpfen 

Um dem technologischen, ökologischen und demografischen Wandel durch Bildung und Qualifizierung zu begegnen, müssen bestehende Potenziale besser als bislang genutzt werden. Dies beginnt bei Investitionen in frühe Bildung, um Ungleichheiten im schulischen Erfolg und in nachfolgenden Übergängen zu reduzieren. Aber auch in späteren Bildungsphasen sind Anstrengungen erforderlich, um das Missverhältnis am Ausbildungsmarkt abzubauen und die Weiterbildungsbeteiligung möglichst aller Personengruppen zu erhöhen. Wird die Bildung vernachlässigt, drohen Kompetenzdefizite, Produktivitätseinbußen und eingeschränkte Teilhabechancen – mit negativen Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Wird die Bildung vernachlässigt, drohen Kompetenzdefizite, Produktivitätseinbußen und eingeschränkte Teilhabechancen – mit negativen Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft.


Dr. Ute Leber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) und Co-Leitung des Bereichs „Bildung, Qualifizierung und Erwerbsverläufe“. 

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